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Landrat Schulze Pellengahr zum "Tag der Sicherheit"
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Landrat Schulze Pellengahr zum "Tag der Sicherheit"

Als der Kreis Coesfeld im vergangenen Jahr seinen „Tag der Sicherheit“ plante, war den Beteiligten nicht klar, welche Brisanz und Aktualität das Thema haben würde. Am Aktionstag am 22. Mai ging es um die Sicherheitsstrukturen der öffentlichen Hand, aber vor allem auch um Eigenvorsorge und Krisenvorbereitungen der Privathaushalte.

Veröffentlicht: Montag, 13.06.2022 10:48

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Im Gespräch äußert sich Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr zu Maßnahmen des Kreises, zu allgemeinen Sicherheitsaspekten, zur politischen Weltlage sowie zu persönlichen Fragen.


Am 22. Mai hat der Kreis Coesfeld erstmals einen Tag der Sicherheit auf dem Gelände der ehenaligen Kaserne in Dülmen veranstaltet. Wen und was wollten Sie damit erreichen?

Angesprochen war die gesamte Bevölkerung des Kreises, also alle Generationen, darunter Familien mit Kindern, aber auch Seniorinnen und Senioren; mehr als 3.500 Gäste kamen. Dabei ging es um die Hilfs- und Unterstützungsangebote der öffentlichen Hand, aber vor allem auch darum, was Einzelpersonen und Privathaushalte zu ihrer eigenen Sicherheit tun können, um so auch die Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung zu stärken.

Wie können die Menschen sich denn ganz konkret auf Katastrophenfälle vorbereiten?

Sie sollten zum Beispiel die unterschiedlichen Sirenensignale kennen. Ein batteriebetriebenes Radio und eine Taschenlampe sind ebenfalls unverzichtbar. Auch sollte man seine Vorratshaltung mit Wasser und Lebensmitteln genau planen und dabei die jeweilige Personenzahl des eigenen Haushaltes einkalkulieren. Aber auch notwendige Medikamente sollten vorgehalten werden. Das sind nur einige wenige Punkte; einen Gesamtüberblick hat unsere Veranstaltung gegeben.

Wie ist Ihre Einschätzung: Müssen wir uns mental auf weitere Kriege in Europa einstellen?

Wir sollten gewappnet sein – buchstäblich. Unsere Bundeswehr muss insgesamt besser mit der notwendigen Ausstattung versehen werden, als dies aktuell der Fall ist.

Inwieweit läutet der russische Angriff einen Paradigmenwechsel in der Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik ein?

Der Kriegsbeginn Ende Februar wird von vielen als Zeitenwende empfunden. Denn die europäische Friedensordnung nach dem Zweiten Weltkrieg wurde lange viel zu selbstverständlich genommen. Dass der Krieg in Europa zurückkehrt, hat kaum jemand geahnt. Doch spätestens nach der Annexion der Krim hätten wir gewarnt sein müssen. Je länger der Krieg in der Ukraine jedoch dauert, desto mehr schwindet die Hoffnung, dass sich zeitnah eine diplomatische Lösung ergibt und der Krieg endet.

Sehen Sie, als dreifacher Familienvater, ein Zeitalter auf uns und unsere Kinder zukommen, das von Krieg und Gewalt geprägt sein wird?

Die Welt ist insgesamt nicht unbedingt sicherer geworden, das steht fest. Doch ich hoffe sehr, dass der Ukraine-Krieg eine Ausnahme in Europa bleibt und nicht zur Regel wird. Meine Generation war der festen Überzeugung, dass so etwas wie der Kalte Krieg Geschichte bleibt.

Als Familienvater ist mir aber eines sehr bewusst: Eltern müssen sehr genau überlegen, welche Bilder sie ihren Kindern zumuten können und wie wir das Gesehene unseren Kindern erklären.

Wie wirkt sich dies auf den Zivilschutz aus, und welche Rolle spielen dabei die Kreise?

Die Kreise sind untere Katastrophenschutzbehörde in NRW. Im Katastrophenfall übernimmt der Krisenstab des Kreises wichtige Aufgaben wie beispielsweise die rückwärtige und logistische Unterstützung der Einsatzkräfte. Zentrale Aufgabe ist dabei auch die Bevölkerungsinformation und Medienarbeit. Wir müssen auch weiter an unserer Infrastruktur arbeiten. So haben wir gemeinsam mit den Städten und Gemeinden in den letzten Jahren den Bestand an Sirenen gezielt ausgebaut. Diese galten nach Ende des Kalten Krieges als überholt und überflüssig. Aktuell haben wir Satellitentelefone beschafft, über die dann die Kommunikation laufen kann, wenn die reguläre Telefonie ausgefallen ist.

Ist es nicht so, dass Bund und Land den Katastrophenschutz auf die Kreise geradezu abgewälzt haben?

Das würde ich so nicht sehen wollen. Unser föderaler Staatsaufbau mit den unterschiedlichen Ebenen Bund, Länder und Gemeinden bewährt sich bereits seit mehr als 100 Jahren; alle arbeiten konstruktiv zusammen. Die Kreise sind mit ihren Gemeinden oftmals einfach näher dran an den Bedürfnissen und Lebensrealitäten der Menschen vor Ort, als dies ein Land oder eine Bezirksregierung leisten kann. Die Daseinsvorsoge in ihrer ganzen Breite zählt dabei zu unseren Hauptaufgaben. Und natürlich holen wir uns, wenn nötig, überörtliche Unterstützung. Ganz wichtig ist dabei, dass wir technisch stets auf dem aktuellen Stand sind – einer der Gründe, warum wir bald eine neue Kreisleitstelle bauen. Die Flutkatastrophe im letzten Jahr hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig eine zeitgerechte Information und Alarmierung der Öffentlichkeit ist.

Der Kreis Coesfeld investiert stark in erneuerbare Energien und übernimmt in Sachen Windenergie sogar eine landesweite Vorreiterrolle. Sollen damit auch internationale Abhängigkeiten verringert werden?

Das war bei uns auch schon lange vor dem Ukrainekrieg ein großes Thema. Am Beispiel Windkraft kann man festmachen, dass Ökologie und Ökonomie keine Gegensätze sein müssen, sondern sich perfekt ergänzen können. Hier profitieren breite Teile der Bevölkerung davon – und die Umwelt. Es wäre natürlich schön, wenn Europa in seiner Gesamtheit energieautark werden könnte. Dabei darf nicht ausgeblendet werden, dass wir nach wie vor auch Energiequellen für die Zeit benötigten, wenn weder die Sonne scheint, noch der Wind Energie liefert.

War die Energiewende ein Fehler?

Die Atomkraft ist mit schwer kalkulierbaren Risiken verbunden. Ich persönlich hielt es für einen Fehler, den Ausstieg aus der Atomenergie überhastet mit Blick auf die damalige Landtagswahl in Baden-Württemberg zu beschließen. Ein Fehler war aus meiner Sicht zudem, dass nach dem Ende des Steinkohlebergbaus ganze Bergwerkstollen geflutet und somit unbrauchbar gemacht wurden, so dass sie jetzt nicht mehr reaktiviert werden können.

Eine persönliche Frage zum Schluss. Sie sind Oberstleutnant der Reserve und gläubiger Katholik. Gibt es da manchmal innere Konflikte?

Auch als gläubiger Christ sehe ich meine Aufgabe darin, im Falle eines Angriffs auf die Bundesrepublik dann als Reservist das „Recht und die Freiheit des Deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“, wie ich es einmal als Soldat gelobt habe.

Foto: Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr mit einem batteriebetriebenen Radio (Bildquelle: Kreis Coesfeld)



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